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Legasthenie aus ganzheitlicher Sicht
12.04.2016 16:30

Einer Legasthenie liegen besondere Wahrnehmungen zu Grunde. Diese führern dazu, dass legasthene Menschen keinen Bezug zu Buchstaben, Worten, Sätzen herstellen, sich schlecht Buchstaben und Worte einprägen können, das Lesen erschwert ist, Buchstaben vertauscht oder weggelassen werden.

Um lernen zu können, also auch um lesen und schreiben erlernen zu können, ist ein komplexes System verschiedener Wahrnehmungssysteme erforderlich, die alle optimal zusammenarbeiten müssen. Kommt es auch nur in einem Wahrnehmungssystem zu einer kleinen Abweichung, kann dies bereits gravierende Folgen haben.

Um "automatisch" lesen und scheiben zu können, sind viele sensorische Prozesse notwendig, die Informationen (Buchstaben, Worte, Sätze, Zahlen ) aufnehmen und sie in den dafür vorgesehenen Arealen im Gehirn zusammensetzen und auswerten. Damit dieser Prozess gelingen kann, müssen alle Sinnesorgane und das Gehirn zusammenarbeiten.

Gutes sehen heißt nicht nur, dass die Augen gesund sind, sondern sie müssen auch zusammenarbeiten ( binokulares sehen ), sie müssen sich richtig bewegen können und die Sehschärfe anpassen können ( Akkomodation ). Alleine diese Fähigkeit wird von unterschiedlichen Arealen in unterschiedlichen Ebenen gesteuert, die wiederum zusammenarbeiten müssen. Seheindrücke werden im Stirnlappen verarbeitet, Höreindrücke im Schläfenlappen, sensorische Eindrücke im Scheitellappen.

An diesem Beispiel wird die Komplexität des gesamten Vorgangs sichtbar und auch die Gefahr der Anfälligkeit für Schwierigkeiten in diesen Bereichen.

Es ist also von beachtlicher Bedeutung, dass alle Gehirnareale optimal vernetzt und "ausgebaut" sind, sowie alle Zentren optimal und ohne Abweichung zusammenarbeiten und alle Informationen austauschen und hieraus geeignete Handlungen hervorbringen. Kommt es zu Störungen in diesen Bereichen entwickeln sich sogenannte Wahrnehmungsstörungen und es kommt zu typischen Auffälligkeiten, wie im Bereich der Legasthenie.

Allen legasthenen Menschen gelingt es aus den oben angeführten Gründen nicht, das Lernen ( lesen, schreiben ) zu automatisieren. Hierfür kann es verschiedene Möglichkeiten geben, weshalb die ausführliche "Vordiagnostik" wichtig ist, um die jeweiligen Ursachen herauszufinden.

E. Bode hat legasthene Menschen in drei Gruppen eingeteilt.

1. Schwierigkeiten mit der phonetischen Analyse: die Betroffenen lesen Worte als ganze Bilder und verlassen sich auf die "Wiedererkennung" der Worte. Somit ist es schwer, unbekannte Worte zu schreiben. Darüber hinaus können sie schlecht buchstabieren und raten beim Lesen.

2. Schwierigkeiten mit dem visuellen Gedächtnis: Worte werden mühevoll artikuliert - sie sind immer wieder neu, Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung wenn Klang und Schreibweise abweichen.

3. gemischte Gruppe: Schwierigkeiten mit der phonologischen Analyse wie auch mit der visuellen Wahrnehmung. Buchstaben können sich nicht eingeprägt werden, vertauschen und verdrehen.

Hinzu kommen Probleme mit den "Prozessmodalitäten":

1. simultane Modalität: hier werden Worte als Bilder wahrgenommen

2. sequenzielle Modalität: hier geht es um die Phonetik

Gesprochene Worte sind somit sequenziell und geschriebene Worte simultan. Beide Systeme müssen optimal und abgestimmt zusammenarbeiten um automatisch lesen und schreiben zu können.

Eine weitere Herausforderung ist es, dass beide Hirnhälften verknüpft sein müssen und zusammenarbeiten müssen, auch wenn eine Hirnhälfte "dominant" ist und auch dominant sein muss. Eine zu geringe Spezialisierung der Hirnhälften kann Ursache für eine Legasthenie sein, da so viele Informationen "Umwege" gehen müssen und hierbei "verloren" gehen.

Ebenso müssen die Augen eine Dominanz entwickeln. Kinder, die lesen lernen, haben diese Augendominanz meist noch nicht entwickelt und auch die Verbindung beider Hirnhälften ist oft noch nicht vollständig entwickelt. Das dominante Auge steuert die Blickerfassung. Somit liest das dominante re. Auge von links nach recht, das dominante li. Auge aber liest von links nach rechts. Hier werden oft b und d verwechselt oder die Bücher werden auf den Kopf gestellt.

Die visuelle Wahrnehmung hat die Aufgabe uns zu befähigen, Dinge zu vergleichen und Unterschiede festzustellen. Es muss der Unterschied zwischen einem Kreis oder Quadrat bekannt sein und erkannt werden wie auch die Unterscheidung von oben, unten, links, rechts, nahe von, zwischen etc. Es muss darüber hinaus die Fertigkeit vorhanden sein, sich visuelle wie auch auditive Dinge einzuprägen, abzuspeichern und wieder "hervorzuholen".

Gehörte Laute müssen einem Buchstaben zugeordnet werden können und gleichzeitig auf das Papier gebracht werden.

Stellen sich in einem dieser Bereiche ( nicht vollständig !) nur kleine Abweichungen ein, kann lesen und schreiben nicht automatisiert werden - es muss immer wieder nachgedacht werden.

Mit ein Grund für diese Schwierigkeiten können u. a persistierende frühkindliche Reflexe sein oder/und nicht adäquat ausgebildete reife Reflexe, wie auch motorische Schwierigkeiten.

In diesem Zusammenhang konnten Forschungen zeigen, dass bei einer Legasthenie immer die gleichen Reflexe gefunden werden konnten, die noch nicht integriert waren und somit die Entwicklung bestimmter Gehirnareale behindern.

Diese kurzen und keineswegs vollständigen Zusammenhänge machen deutlich, wie anfällig das Wahrnehmungssystem ist, und das Lernschwierigkeiten wie Legasthenie, AD(H)S & Co. eine ganzheitliche Sicht erforderlich machen.

 

 

 

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